Der Nachmittag zog sich wie zäher, schwarzer Kaugummi in die Länge. Ich saß in meinem Zimmer, das Licht längst ausgeschaltet, und starrte auf die alte, hohl klingende Holzschatulle, die auf meinem Schreibtisch stand. Meine Großmutter hatte sie mir kurz vor ihrem Tod zugesteckt, mit zittrigen Fingern und einem Blick, den ich damals als reine Verwirrung abgetan hatte. „Öffne sie nur, wenn das Meer unruhig wird, Maya", hatte sie heiser geflüstert. „Wenn das Licht in den Wellen zu tanzen beginnt, ist es Zeit zu erfahren, wer wir wirklich sind."
Ich hatte damals genickt, um sie zu beruhigen, und die Schatulle jahrelang unter meinem Bett verstaubt lassen. Bis heute.
Ich kann es riechen, Maya. Es schreit lauter als dein Herzschlag.
Seine Worte verfolgten mich wie ein unheimlicher Refrain. Was meinte er damit? Ich war ein gewöhnliches Mädchen aus einer sterbenslangweiligen Küstenstadt, dessen größtes Abenteuer bisher darin bestanden hatte, nachts allein an den Klippen zu stehen. Oder etwa nicht?
Mit zitternden Fingern klappte ich den schweren Deckel auf. Darin lag ein Medaillon aus angelaufenem, fast schwarzem Silber, geformt wie eine filigrane Kompassrose, und ein vergilbtes, an den Rändern gewelltes Foto. Es zeigte meine Urgroßmutter am Strand, genau an den zerklüfteten Felsen, an denen ich Levian begegnet war. Neben ihr stand ein Mann, dessen Gesicht fast vollständig im Schatten lag, doch seine Haltung war unverkennbar… diese breiten, machtvollen Schultern, die raubtierhafte, fast arrogante Eleganz, mit der er dort stand. Mein Atem stockte, und das Foto entglitt meinen Fingern. Er trug dasselbe weiße, flatternde Leinenhemd wie der Junge an den Klippen.
„Das ist physisch unmöglich", flüsterte ich in die lastende Stille meines Zimmers. „Das Foto ist fast hundert Jahre alt. Das kann nicht er sein."
Ein Blick auf die Uhr: 23:30 Uhr.
Vernunft? Sie war längst aus dem Fenster gesprungen. Mein Puls hämmerte in einem dumpfen, treibenden Rhythmus gegen meine Schläfen, ein dunkler Instinkt, der mich unwiderstehlich antrieb. Ich schnappte mir meine abgewetzte Lederjacke, schlich auf Socken an der Schlafzimmertür meiner Eltern vorbei und stahl mich durch die Hintertür ins Freie. Die Nacht war schwarz wie Tinte, der Wind peitschte mir kalte, salzige Gischt direkt ins Gesicht, während ich den steilen, dornigen Pfad zum alten Leuchtturm hinaufstieg. Er thronte wie ein mahnender, verfallener Finger auf der äußersten Spitze der Klippen, seit Jahrzehnten verlassen und dem unerbittlichen Zerfall preisgegeben.
Das rostige Eisentor quietschte qualvoll, als ich es aufstieß. Drinnen roch es nach feuchtem Moder, altem Eisen und… ihm. Dieser stechende Geruch nach Ozon, nach einem heraufziehenden Gewitter und einer schweren, betörenden Süße, die mir sofort den Verstand vernebelte.
„Du bist tatsächlich gekommen", erklang seine Stimme aus der absoluten Dunkelheit hoch über mir.
Ich blickte nach oben, mein Herz schlug mir bis zum Hals. Levian saß auf dem brüchigen Geländer der schwindelerregend hohen Wendeltreppe, mehrere Meter über dem Boden. Er wirkte völlig entspannt, fast gelangweilt, als wäre die Schwerkraft für ihn lediglich eine unverbindliche Empfehlung, an die er sich nicht zu halten gedachte. Mit einer fließenden Bewegung sprang er ab und landete vollkommen lautlos direkt vor mir. Kein Aufprallgeräusch, kein Keuchen. Nur die plötzliche, sengende Hitze, die von seinem Körper ausging und die klamme Luft des Turms augenblicklich vertrieb.
„Ich wollte Antworten", sagte ich, und ich war stolz darauf, dass meine Stimme in der Dunkelheit nicht zitterte. Ich hielt ihm das alte, knisternde Foto unter die Nase. „Wer ist dieser Mann? Wer bist du wirklich, Levian? Und wie zur Hölle kannst du auf einem Foto aus dem letzten Jahrhundert sein?"
Er warf kaum einen Blick auf das Bild. Stattdessen fixierte er mein Gesicht mit einer Intensität, die mich fast physisch zurückweichen ließ. In der Schwärze des Turms leuchteten seine Augen jetzt wieder in diesem übernatürlichen, gefährlichen Bernstein, wie zwei brennende Laternen.
„Namen sind Schall und Rauch, Maya. Die Welt nennt uns viele Dinge, um ihre eigene Angst zu maskieren. Monster. Dämonen. Kinder des Lichts." Er trat einen Schritt näher, so nah, dass ich das feine, goldene Muster in seiner Iris tanzen sehen konnte. „Aber du bist diejenige, die hier die wahre Anomalie ist. Weißt du eigentlich, warum das Meer dich seit Jahren ruft? Warum du dich hier im Sturm sicherer fühlst als unter deinesgleichen in der hellen Stadt?"
„Hör auf mit diesen kryptischen Rätseln!", herrschte ich ihn an, während die Angst in mir in brennende Wut umschlug. „Sag mir einfach die Wahrheit. Was hast du über mein Blut gesagt?"
Levian lachte leise, ein tiefes, kehliges Geräusch, das mir einen glühenden Schauer über den Rücken jagte. Plötzlich, mit einer Geschwindigkeit, der meine Augen nicht folgen konnten, packte er meine Hand. Sein Griff war fest wie ein Schraubstock, seine Haut fühlte sich an wie glühender Marmor. Bevor ich auch nur ansatzweise reagieren konnte, zog er ein kleines, kunstvoll verziertes Silbermesser aus seiner Tasche und ritzte mir federleicht in die Kuppe meines Zeigefingers.
„Hey! Spinnst du?", schrie ich auf und wollte instinktiv meine Hand wegziehen, aber er hielt mich unerbittlich fest.
Ein winziger Tropfen Blut quoll hervor. Aber es war nicht einfach nur tiefrot. Im schwachen, milchigen Mondlicht, das durch die zerbrochenen Fensterscheiben fiel, schimmerte die Flüssigkeit metallisch. Es war, als würde sich flüssiges Gold in Zeitlupe mit dem Rot vermischen und darin wirbeln wie ferne Galaxien.
Levian starrte auf diesen einen Tropfen, als wäre er die kostbarste, seltenste Droge der Welt. Sein Kiefer spannte sich so hart an, dass ich das Knirschen hören konnte. Seine Pupillen weiteten sich vor meinen Augen, bis das leuchtende Bernstein fast ganz von einer bodenlosen Schwärze verschlungen wurde. Seine Lippe bebte leicht, und ich sah, wie sich seine Eckzähne langsam und mörderisch über seine Unterlippe schoben – lang, spitz und weiß wie Elfenbein.
„Du bist eine Luminis", flüsterte er, und seine Stimme war jetzt nur noch ein hungriges, animalisches Grollen, das tief aus seiner Brust kam. „Deine Vorfahren haben vor Äonen einen verfluchten Pakt mit dem Licht geschlossen, um uns zu binden. Dein Blut ist kein Geschenk, Maya. Es ist eine Fessel. Und ein verdammt süßes, tödliches Gift für jeden von uns."
Er hob meinen Finger langsam an seine Lippen. Ich hätte wegrennen müssen. Ich hätte ihn hassen, ihn schlagen, ihn verfluchen müssen. Aber als seine warme Zunge die winzige Wunde berührte, schoss eine Welle von purer, unverdünnter Elektrizität durch meinen gesamten Körper. Es tat nicht weh. Es war ein brennendes, alles verzehrendes Verlangen, das jede einzelne Zelle meines Seins ausfüllte und meinen Verstand vernebelte.
Ich stöhnte leise auf, ein Laut, den ich selbst nicht wiedererkannte, und meine Knie wurden augenblicklich weich wie Wachs. Er fing mich mit einem Arm auf, presste mich hart gegen die kalte, raue Steinwand des Turms und vergrub sein Gesicht in der Beuge meines Halses. Ich spürte das scharfe Metall seiner Zähne an meiner empfindlichen Haut, ein sanfter, fast zärtlicher Druck genau über meiner pochenden Schlagader.
„Ich sollte dich hier und jetzt töten, Maya", knurrte er heiser gegen meine Haut, und sein Atem verbrannte mich fast. „Ich sollte dich einfach austrinken, bis dieses verdammte, goldene Leuchten in dir für immer erlischt. Dann wäre ich nach all den Jahrhunderten endlich frei von diesem Fluch."
„Dann tu es doch", flüsterte ich, von einem plötzlichen, wahnsinnigen Mut besessen. Meine Stimme klang fremd, dunkel und provoziert. Ich legte meine Hände fest in seinen Nacken, krallte meine Finger in sein dickes, salziges Haar und zog ihn noch näher an mich heran. „Worauf wartest du eigentlich?"
Levian erstarrte augenblicklich. Er hob langsam den Kopf und sah mir direkt in die Augen. In seinem Blick tobte ein furchtbarer Kampf zwischen dem unkontrollierten Raubtier, das mich auf der Stelle zerfleischen wollte, und etwas anderem… etwas schmerzhaft Menschlichem, das unter unzähligen Schichten aus Einsamkeit und Jahrhunderten der Dunkelheit vergraben war.
„Du hast nicht die geringste Ahnung, was du da von mir verlangst", sagte er mit einer Stimme, die so rau war wie die Brandung unter uns. Er ließ mich so abrupt los, dass ich fast zu Boden gesunken wäre, und trat zurück in den tiefen Schatten des Turms. „Wenn ich dich markiere, Maya, dann gibt es kein Zurück mehr in dein altes Leben. Dann gehörst du der Flut. Und ich werde derjenige sein, der dich gnadenlos in die Tiefe zieht."
Bevor ich auch nur einen Atemzug lang antworten konnte, schlug das schwere Eisentor des Turms mit einem ohrenbetäubenden Knall zu, der in dem runden Raum wie ein Gewitterschlag widerhallte. Levian war verschwunden. Nur der metallische Geschmack von Blut, der bittere Duft von Ozon und das Zittern in meinen Gliedern hingen noch schwer in der Luft.
Ich sah fassungslos auf meinen Finger. Die Wunde war bereits vollständig verheilt. Keine Narbe, kein Kratzer, nichts war geblieben. Nur ein schwaches, goldenes Flimmern unter meiner Haut, das erst nach und nach verblasste.
Ich war keine gewöhnliche Beute. Ich war eine lebendige Fessel. Und ich hatte das untrügliche Gefühl, dass ich Levian gerade erst den ultimativen Grund gegeben hatte, mich bis ans Ende der Welt zu jagen.
