POV: Mira
Achtzehn Stunden.
Mira wusste es, weil das System mitzählte, oben rechts auf dem Panel, eine kleine Uhr, die sie nicht ausschalten konnte und irgendwann aufgehört hatte zu beachten. Achtzehn Stunden graben, stützen, verstärken, graben. Ihre Arme hatten irgendwo bei Stunde zwölf aufgehört zu zittern, nicht weil sie sich erholt hatten, sondern weil zu wenig Kraft übrig war, um noch zu zittern.
Hana hatte ihr dreimal gesagt, sie solle aufhören.
Beim dritten Mal hatte Mira geantwortet: „Wenn wir da unten sind, höre ich auf."
Hana hatte sie angeschaut wie eine Ärztin, die eine Diagnose stellt, die sie nicht mag, aber akzeptiert. Dann hatte sie aufgehört zu fragen und stattdessen dafür gesorgt, dass Mira alle zwei Stunden Wasser trank.
Theo hatte Essen gebracht, direkt in den Tunnel kleine Portionen, nichts Besonderes, aber warm. Mira hatte gegessen, ohne aufzuhören zu arbeiten. Ren hatte die Lampe gehalten und Bruno auf dem Kopf balanciert, weil er, wie er erklärte, beide Hände frei brauche, um das Gleichgewicht zu halten, und das war eine sehr wichtige Aufgabe.
K hatte geholfen, wo er konnte, Steine wegräumen, Stützen einsetzen, die das System anzeigte. Er war still und präzise und stellte keine Fragen, was Mira mehr schätzte, als sie sagen konnte.
Frau Okafor war die meiste Zeit oben geblieben, auf der Karte, und hatte Mira durch das Panel Korrekturen geschickt, einen Grad nach links hier, diese Stütze zuerst dort. Sie kannte Gestein, wie Mira Baupläne kannte, und zusammen waren sie schneller, als Mira allein gewesen wäre.
Achtzehn Stunden.
Dann brach der letzte Stein durch.
Mira kniete vor dem Durchbruch und schaute hinein.
Das System reagierte sofort. Das Panel explodierte in Daten, Scans, Messungen, Kategorien. Aber bevor sie ein einziges Wort lesen konnte, sah sie es einfach: das Leuchten.
Der Ressourcenknoten leuchtete blau. Nicht das blasse Blau des Panels, ein tiefes, warmes, fast lebendiges Blau, das von den Wänden der Kammer darunter zurückgeworfen wurde. Metall in den Wänden, erkannte sie. Erz, rein und unberührt. Stein, der stabiler war als alles, womit sie bisher gearbeitet hatte. Und im Boden, in Schichten, organisches Material, alt, sehr alt, aber das System markierte es als nutzbar für Anbau, für Kompost, für Strukturverstärkung.
Sie kletterte durch.
Stand in der Kammer darunter und drehte sich langsam um.
Groß. Größer als die erste Kammer. Größer als das Industriegebäude, in dem sie früher gearbeitet hatte. Das System scannte automatisch und schickte ihr die Zahlen, aber Mira brauchte keine Zahlen. Sie brauchte nur ihre Augen.
Das war kein Unterschlupf.
Das war das Fundament einer Siedlung.
RESSOURCENKNOTEN VOLLSTÄNDIG GESCANNT.INHALT: ERZRESERVEN MASSIV. STEIN, STUFE 3 MASSIV. ORGANISCHES MATERIAL BETRÄCHTLICH.GESCHÄTZTE NUTZUNGSDAUER BEI VOLLEM AUSBAU: UNBEKANNT ZU GROß FÜR STANDARDBERECHNUNG.ARCHITEKTIN-LEVEL-SPRUNG ERKANNT.
Das Panel leuchtete heller als je zuvor.
ARCHITEKTIN LEVEL 4.NEUE FÄHIGKEIT FREIGESCHALTET: STRUKTURELLES GEDÄCHTNIS.JEDE RESSOURCE, DIE SIE BERÜHREN, WIRD PERMANENT AUF DER KARTE GESPEICHERT. FÜR IMMER.
Mira streckte die Hand aus und legte die Handfläche flach gegen die Erzwand.
Das System pulsierte. Die Wand leuchtete kurz golden dort, wo ihre Hand war, dann weiter, eine Welle, die durch den Stein lief wie ein Herzschlag. Und auf ihrer Karte erschien die Ressource, genau dort, exakt markiert, mit allen Daten.
Für immer.
Sie würde diese Wand nie vergessen. Das System würde sie nie vergessen lassen. Jede Ressource, die sie je berührte, wurde Teil der Karte, Teil von ihr, Teil der Basis.
Ren kletterte durch den Durchbruch und stellte sich neben sie.
Er sagte nichts. Das war das erste Mal, dass Ren wirklich nichts sagte.
Dann: „Bruno sagt, das ist das Größte, was er je gesehen hat."
„Bruno ist ein Stegosaurus."
„Er hat trotzdem recht."
Mira ließ sich an der Wand nach unten gleiten und saß auf dem Boden der neuen Kammer. Die Knie zogen hoch, Rücken an das Erz, das nun für immer auf ihrer Karte war. Sie war erschöpft auf eine Art, die über den Körper hinausging.
„Vier Stunden", sagte Hana von oben durch den Durchbruch. „Du schläfst jetzt vier Stunden. Das ist kein Vorschlag."
Mira wollte widersprechen. Öffnete den Mund. Schloss ihn wieder.
„Vier Stunden", sagte sie.
Sie schlief auf dem Boden der neuen Kammer, weil sie zu müde war, um zurückzuklettern.
Ren schlief neben ihr, Bruno auf der Brust, und schnarchte leise, was Mira nicht erwartet hatte, aber irgendwie tröstlich fand.
Vier Stunden.
Dann stand sie auf und fing an.
Fünf Kilometer nördlich, in einem ehemaligen Industriegebäude, das nach Maschinenöl und altem Metall roch, saß Kael Dren an einem Tisch und las Berichte.
Er las sie immer in der gleichen Reihenfolge. Bedrohungen zuerst. Ressourcen zweiten. Bewegungen dritter. Alles andere danach, wenn überhaupt.
Lars legte einen neuen Bericht vor ihm ab. „Aufklärung aus dem Südsektor."
Kael nahm ihn ohne aufzuschauen.
Unterirdische Basis. Koordinaten unbekannt. Signal gesendet, nicht lokalisierbar. Architektin-Klasse, einmalig. Keine Kampfeinheiten. Bevölkerung: fünf, gebunden. Ressourceneffizienz: überdurchschnittlich.
Er las die letzte Zeile nochmal. Überdurchschnittlich.
Keine Kampfeinheiten. Null Verteidigungspotenzial. Strategisch wertlos für direkte Operationen.
Er legte den Bericht beiseite.
„Keine Priorität", sagte er zu Lars.
Lars nickte und ging.
Kael schaute auf den Bericht, der beiseitelag. Dann schaute er weg. Dann nach einer kurzen Pause, die er sich selbst nicht erklärte, zog er ihn nochmal heran.
Ressourceneffizienz: überdurchschnittlich.
Fünf Menschen. Keine Kämpfer. Eine Nacht alt.
Er faltete den Bericht und steckte ihn in die Tasche. Nicht weil er wichtig war. Nur um ihn nicht zu verlieren, falls die Zahlen sich änderten.
Er dachte nicht weiter daran.
Mira baute.
Die neue Kammer wurde in drei Tagen zur Grundlage für alles, was danach kam. Anbaubereich im südlichen Teil, wo das organische Material am dichtesten war. Werkstattzone im Norden, wo das Erz am reinsten war und K anfing, Werkzeuge herzustellen, echte, nicht die improvisierten Stücke vom Anfang. Hanas Krankenbereich in der Mitte, weil die Mitte am stabilsten war und weil Hana sagte, sie brauche Platz, und Mira inzwischen gelernt hatte, Hana nicht zu widersprechen, wenn sie diesen Ton hatte.
Ren organisierte alles andere.
Das war nicht geplant. Es war einfach passiert, er kannte jeden Tunnel, jeden Durchgang, jede Ressourcenmarkierung auf Miras Karte fast so gut wie sie. Er lief und schaute und kam zurück mit Informationen. Wer was brauchte. Wo ein Stein lose war. Welcher neue Überlebende sich draußen am Eingang aufhielt und nicht wusste, ob er klopfen sollte.
Drei weitere kamen in der ersten Woche. Alle ohne Kampfwerte. Alle mit etwas, das das System als Potenzial markierte: Handwerk, Heilung, Struktur.
Mira, band sie alle.
Die Basis wurde warm. Nicht metaphorisch: Theo hatte einen Heizknoten installiert, den das System erlaubte, und die neue Kammer hielt die Wärme wie eine Umarmung.
Am siebten Tag saß Mira in der Werkstattzone und überprüfte die Karte, und alles auf der Karte war real, alles war von ihr gebaut oder geplant, und das Panel zeigte: Architektin Level 4. Basis-Bevölkerung: acht. Ressourcenreserven: stabil.
Nicht groß. Nicht sicher. Aber echt.
Dann blinkte das Radar.
Mira schaute hin, weil das Radar noch nie geblinkt hatte, und sah die neue Markierung.
Rot. Nicht das sanfte Orange einer unbestimmten Absicht. Rot. Das System markierte es automatisch als BEDROHUNG BESTÄTIGT.
Sie tippte auf die Markierung.
Ein Name erschien.
DAMON HOLT. LEVEL 8. KLASSE: RÄUBER-ANFÜHRER. GRUPPE: 18 PERSONEN, BEWAFFNET. DISTANZ: 5,2 KILOMETER. BEWEGUNGSRICHTUNG: VARIABEL KEIN DIREKTER KURS AUF IHRE BASIS.
Noch nicht.
Mira starrte auf den Namen.
Damon.
Sie hatte ihn in das Notizbuch geschrieben. Nicht heute, hatte sie daruntergeschrieben. Sie hatte das Buch zugeklappt und weitergebaut, weil Bauen wichtiger war als Wut, weil sie gelernt hatte, dass Wut Energie kostet und Energie kostbar ist.
Aber er war trotzdem da. Fünf Kilometer entfernt. Mit achtzehn bewaffneten Menschen.
Und ihre Basis hatte acht Überlebende, alle ohne Kampfwerte, und Wände, die noch keine zwei Wochen alt waren.
Ren kam in die Werkstattzone und schaute auf ihr Gesicht. Kinder lesen Gesichter besser als Erwachsene, hatte Mira schon immer gewusst. Ren las ihres in einer Sekunde.
„Was ist passiert?"
Sie drehte das Panel so, dass er die Markierung sehen konnte.
Ren schaute auf den Namen. Auf die Zahl daneben. Auf die achtzehn.
Dann schaute er auf die Basis um sie herum, die Wände, die Wärme, die acht Menschen, die schliefen oder arbeiteten oder aßen.
„Wie lange haben wir?", fragte er.
„Ich weiß es nicht", sagte Mira ehrlich.
Ren dachte nach. Dann: „Bruno sagt, wir fangen jetzt an, die Mauern höher zu bauen."
Mira schaute auf die Karte. Auf die Ressourcen. Auf den Erzknoten tief unten, der genug Material enthielt für Mauern, die kein Level-8-Räuber-Anführer einfach durchbrechen konnte.
Sie öffnete den Bauplan.
„Sag Bruno, er hat recht."
